Brennnessel – eine vielfältige Pflanze

 

Geschichtliches

Brennnesseln sind ausser in extremen Regionen (polar, subtropisch, tropisch) auf der ganzen Welt anzutreffen. Aus Nesselfasern – einer Bastfaser – werden schon seit Jahrhunderten Textilien angefertigt, die frühsten Funde datieren gar auf die Zeit um Christi Geburt.

Einen ersten Rückgang verzeichnete die Verwendung von Nesselfasern ab dem 16. Jahrhundert, als die Baumwollindustrie langsam aufkam. Während dem ersten Weltkrieg erlebte die Faser dann nochmals einen kurzen Höhenflug, weil sie wegen fehlendem Baumwollnachschub für Uniformen zum Einsatz kam. Aus dieser Zeit stammt auch das folgende Plakat aus Österreich, wo es offenbar an Lein fehlte und aufgerufen wurde, Nesseln zu sammeln, damit daraus Verbandsmaterial gemacht werden konnte:

Bild Leyrer (artist), J. Weiner, Wien

 

Auch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden Nesselfasern noch oft bspw. für Arbeitskleidung, Taue, Segeltücher etc. verwendet. Das Aufkommen der synthetischen Fasern verdrängte die Naturfaser schliesslich weitgehend vom Markt. Im Zuge der Rückbesinnung auf nachhaltige, ökologische und vor allem auch pflanzliche Rohstoffe werden die robusten Fasern aktuell gerade wieder entdeckt und sind seit den 1990er Jahren wieder auf dem Vormarsch.

 

Die Faser

Die zur Fasergewinnung genutzte Fasernessel ist eine gezüchtete Variante der grossen Brennnessel. Sie hat längere und geradere Stängel und wirft im Herbst ihre Blätter ab, was die Ernte erleichtert. Im Anbau ist die Fasernessel sehr genügsam. Sie braucht keine künstliche Bewässerung, keinen Dünger und auch keine Insektizide. Damit ist der Anbau von Fasernesseln viel ökologischer als bspw. der konventionelle Anbau von Baumwolle.

Nesselfasern bestehen zur Hauptsache aus Zellulose, sind lang, fein und weich, aber auch sehr reissfest. Aus Nesselfasern gefertigte Textilien sind darum geschmeidig und sehr strapazierfähig. Zudem ist die Nesselfaser saugfähig und atmungsaktiv und hat einen leichten Glanz. Alles Eigenschaften, die die Nutzung von Nesselfasern als textiles Rohmaterial sehr sinnvoll machen. Dass Nesselfasern Farbstoffe wiederum kaum aufnehmen verleiht Garnen, die aus einer Mischung mit Nesselfasern bestehen, ein interessantes, meliertes Aussehen.

 

Verarbeitung

Die Verarbeitungsschritte von der Pflanze bis zum Garn sind bei den Nesselfasern ähnlich wie bei Hanf und Lein, obwohl beim Nesselstängel – anders als bei Hanf und Lein – die ältesten und damit am meisten verholzten Teile aussen liegen. Diese Tatsache erschwert die Gewinnung der verspinnbaren Fasern natürlich etwas. Im Grunde genommen werden aber auch bei der Nesselfaser in ersten Verarbeitungsschritten die Holzteile mechanisch, mittels brechen und schütteln, herausgelöst. Aus den so gewonnenen, reinen Fasern entsteht anschliessend in weiteren Schritten eine Art Vlies, das schliesslich zu einem Garn versponnen werden kann.